Nürtingen

Unheilige Allianz

29.03.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Am 30. März 1985 nahm sich eine gewisse Jeanine Deckers zusammen mit ihrer Freundin Annie Pecher das Leben. Schlaftabletten! Ihr waren die Schulden über den Kopf gewachsen, die sie nie gemacht hatte. Wie das gehen soll? Es hatte sich eine unheilige Allianz aus Kirche und Staat zusammengeschlossen, die ehemalige Nonne und bekennende Lesbe „Soeur Sourire“ so richtig fertigzumachen. Die in englischsprachigen Ländern als „the singing nun“ (die singende Nonne) bekannt gewordene Chansonette hatte mit einem ihrer Lieder einen Welthit. In den USA war die Hymne an den Gründer jenes Ordens, dem sie als Nonne angehörte, „Dominique“, sogar bis auf Platz eins der Charts geklettert. Die dafür ausgeschütteten Tantiemen jedoch flossen in die Kassen von Kirche und Kloster, weil die Dominikanerin beim Eintritt ins Kloster ein Armutsgelübde abgelegt hatte. Nach Auseinandersetzungen über ihre sexuelle Orientierung verließ „Soeur sourire“ oder Luc Dominique, wie sie sich später nannte, Kloster und Orden und versuchte sich – wenig erfolgreich – als Chansonsängerin durchzuschlagen. Die Einnahmen blieben dürftig, aber als Nonne war man Mäßigkeit ja gewohnt. Doch dann schlug der belgische Staat zu: Die in die Welt zurückgekehrte Schwester hatte versäumt, sich die Abtretung ihrer Tantiemen vom Kloster quittieren zu lassen. Nun präsentierte der Staat ihr die Rechnung für die ihm durch die Lappen gegangenen Steuern. Kirche, Orden und Kloster konnten sich an nichts erinnern, wuschen ihre Hände in Unschuld und ließen ihren ehemaligen Schützling im Regen stehen. Ein Segen wird kaum darin gelegen sein, dafür bewirkte er für zwei Menschen den Tod. Kirche im ausgehenden 20. Jahrhundert.

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