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Nürtingen

Resignierte Yuppies

26.01.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Kuscheln ist angesagt, Leute. Minustemperaturen draußen und ein gemütlich knarzendes Kaminfeuer im üppig gepolsterten Wohnzimmer – „Cocooning“ heißt der Trend und ist nicht nur eine Reaktion auf die jahreszeitlich bedingte Außentemperatur. Als der Kapitalismus noch in beinharter Konkurrenz mit einem in Deutschland erdachten und im Osten praktizierten Gesellschaftsmodell zu kämpfen hatte, und sich den Umworbenen (also uns) von seiner schönsten Seite zu präsentieren bemüht war, fiel einem daheim öfter mal, um nicht zu sagen täglich, die Decke auf den Kopf. Auch als der Eiserne Vorhang gefallen war, hoffte man allgemein auf einen Fortschritt in Sachen Wohlstand. Für alle! Man nannte das damals Friedensdividende. Doch hätte schon der aus dem Wörterbuch des Börsenritters entlehnte Begriff stutzig machen müssen. Wie’s kam, wissen wir alle: Hartz IV, leichtfertig vom Zaun gebrochene Kriege und eine gigantische Finanzkrise, die nicht die bezahlen, die sie verursacht haben. Darauf reagiert selbst der Yuppie resignativ. Bei Renault leerten sich manche Büros sozusagen Hals über Kopf, andernorts zieht man sich ins Privatleben zurück und erinnert sich an Dinge, die dem Menschen seit Urzeiten die Illusion von Sicherheit und Geborgenheit suggerierten. Der Uterus, die Höhle, die Blockhütte, um die der Wind mit den Wölfen um die Wette heulte, hielten in ihrem Inneren Wärme parat, boten Schutz vor Angriffen von außen. Fruchtwasser oder Lagerfeuer, beides scheint so sehr an innere Bedürfnisse zu rühren, dass man versucht, es in das Erwachsenenleben des modernen Menschen herüberzuretten. Nicht zuletzt deshalb boomen derzeit bequeme Sitz- und Liegemöbel, Kaminfeueröfen mit und ohne Kaminanschluss und natürlich Fernsehgeräte. Das könnten sich doch wirklich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zunutze machen und 24-Stunden-Live-Übertragungen eines lustig prasselnden Kaminfeuers in die deutschen Wohnstuben ausstrahlen. Leichter könnte man sich die Gebühren nicht verdienen Und die Menschen kämen endlich mal wieder zum Lesen, anstatt sich vor der normalen „Glotze“ immer mehr infantilisieren zu lassen.

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