Nürtingen

Amor läuft mit

26.03.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

(heb) Dem Spiegel war er 1960 eine kurze Notiz unter der Rubrik „Musikalisches“ wert. Carl Kaufmann, hieß es da, „23, Sänger und National-Leichtathlet aus Karlsruhe“, werde „als Mittelpunkt von Liederabenden bei Männergesangvereinen nicht nur als Tenor, sondern auch als Europarekordler und Deutscher Meister über 400 Meter angekündigt.“ Das war vor genau 50 Jahren. Wenige Monate später fand sich der singende Sportler in den Schlagzeilen wieder. Zeitgleich mit dem Olympiasieger Otis Davis hatte der junge Badener bei den olympischen Sommerspielen in Rom das Zielband des 400-Meter-Endlaufs durchrissen. Er hatte alles gegeben. 44,9 Sekunden waren neuer Weltrekord und der glückliche Silbermedaillen-Gewinner konnte erst nach einigen Sekunden von den Betreuern wieder aufgerichtet werden, so erschöpft war er. Da kosteten ihn öffentliche Auftritte als Schlagersänger, der er auch war, erheblich weniger Anstrengung. Denn der am 25. März 1936 in New York City zur Welt gekommene Carl Kaufmann hatte eine klassisch ausgebildete Stimme und war auch im Bereich der sogenannten „ernsten Musik“ ein gefragter Tenor. Ein vielfach begabter Typ, im bürgerlichen Beruf Beamter, Realschullehrer. Da dürfte er für seine Schüler sowieso der Größte gewesen sein. Wer hat auch schon einen Olympioniken als Lehrer. Gut, einige, könnte man sagen. Aber einen, der auch noch blendend aussah und dessen Hits „Amor läuft mit“ oder „Eine Nacht in Taormina“ in jeder Eisdiele aus der Jukebox dröhnten? Eben – keiner! Dabei haben wir noch gar nicht alle Talente berücksichtigt, die dem kessen Sportler – von wem auch immer – in die Wiege gelegt worden waren. 1972 gründete „Charly“, wie er in Karlsruhe genannt wurde, ein Amateurtheater, das er bis zu seinem Tod am 1. September 2008 leitete: „Die Käuze“. Ach ja, in Rom holte er übrigens auch in der Staffel Silber.

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