Leserbriefe

Wo bleibt da die Vernunft?

05.09.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Peter Reinhardt, Neckartenzlingen. Zum Artikel „Chinesen warnen vor den Deutschen“ vom 31. August. Darf man heutzutage noch irgendetwas „Unsinn“ nennen? Oder muss man bei allem, was irgendwie falsch läuft, nach einem Schuldigen suchen und den verdächtigen oder gar beschimpfen? Am besten: „den Staat“ – „die Polizei“ oder – noch besser: „die Regierung“ – am allerbesten: „die Bundeskanzlerin“? Da lese ich gerade in der Zeitung, dass Chinesen neuerdings vor Deutschland warnen, denn Deutschland sei ein unsicheres Land. Der Hintergrund: irgendwo in Ostdeutschland sind zwei Chinesen ermordet worden. Natürlich ist jeder Mord schrecklich. Aber ist Deutschland, mit 80 Millionen Einwohnern, deswegen so „unsicher“, dass man vor einer Reise nach Deutschland warnen muss? Unsinn! – klar.

Aber was geschieht in Deutschland derzeit? Im Schnitt gibt es wohl täglich einen Mord in Deutschland. Und was machen „die Deutschen“? Sie sortieren sorgfältig: ist der Mörder ein Deutscher? Dann ist der Mord keine Erwähnung wert. Ist der Mörder ein Mensch „mit Migrationshintergrund“ – wie es so unschön heißt –, dann muss eine Meldung in die Zeitung. Ist der Mörder aber gar ein Asylant, dann ist ganz Deutschland in Gefahr – siehe Chemnitz. Da strömen ein paar Hundert Menschen aus ganz Deutschland – gut verabredet – in die betroffene Stadt und benehmen sich unmöglich. Und weniger die Radaubrüder werden beschuldigt für die Ausschreitungen – man hat fast so etwas wie Verständnis für sie –, sondern wahlweise: die Polizei oder das Land oder gar die Bundeskanzlerin. Darf man das nun Unsinn nennen oder nicht? Vielleicht sollte man es. Sind denn die Radaubrüder nun „Stimme des Volkes“? Oder doch nur ein paar schwer fehlgeleitete Deutsche? Und die paar Hundert Leute, die da randalieren, bringen angeblich ganz Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern in Gefahr. „Staatsversagen!“ wird da gerufen. Als wenn es nicht ganz klar wäre, dass ein paar Hundert Menschen, die sich an einem kleinen Punkt zusammenrotten, der Polizei kurzfristig Schwierigkeiten machen könnten. Die Presse stürzt sich darauf und schlachtet den Vorfall weidlich aus, und manche Politiker versuchen ihr Süppchen damit zu kochen.

Wo bleibt da die Vernunft? Über die unsinnigen Verallgemeinerungen sollte man sich aufregen, nicht immer wieder über unseren Staat, der doch trotz mancher Fehler einer der besten ist, die wir auf der Welt kennen – und den wir je hatten.

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