Leserbriefe

Welche Leistung zählt wirklich?

15.01.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hans-Ulrich Funkenweh, Neuffen. Zum Leitartikel „Wenn der Neid regiert“ vom 8. Januar. Haben sich die Stuttgarter Nachrichten mit Herrn Wehaus einen weiteren Rechtsausleger ins Haus geholt? Kürzlich verteidigte er den Ökonomen Hans-Werner Sinn, der sich mit ständigem Herummosern an erneuerbaren Energien einen Namen gemacht hat und deshalb vom BUND zum „Dinosaurier des Jahres“ ernannt wurde, und jetzt holte er zu einem Rundumschlag gegen all jene aus, denen soziale Grundsätze in der Politik nicht völlig egal sind. Hat er das Sozialstaatsgebot im Artikel 20/1 des Grundgesetzes vergessen? Nach Wehaus sind alle, die dies einfordern, Neider. Ja, er nennt „Soziale Gerechtigkeit“ ein Unwort.

Auf zwei seiner Beispiele möchte ich eingehen: Ich kann die Hamburger Eltern mit ihrer Unterschriftenaktion verstehen. Sie wollen für ihre Kinder eine optimale Bildung. Nun müssen sie aber von internationalen Bildungsstudien (PISA, OECD) Kenntnis nehmen, die dem deutschen, dreigliedrigen Schulsystem miserable Leistungen bescheinigen. So ist Deutschland eines der Länder, in denen die soziale Herkunft für die Bildungschancen eine entscheidende Rolle spielt. Schüler aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund sind die Verlierer dieses Systems! Scheinbaren Schutz vor diesen Zuständen bietet das Gymnasium. Dort wird Leistung aber mit Selektion und Wettbewerb gleichgesetzt. Können wir es uns leisten, diese Begabungen zu verschwenden? Sollten wir nicht, wie in Skandinavien, den Druck von Zehnjährigen nehmen und sie viel länger in ihrer gewohnten Schulumgebung belassen? Voraussetzung dafür ist, wesentlich mehr in die Bildung zu investieren. Bei kleineren Klassen und mehr Zeit für die Schüler (kein G 8) würden sich viele Schulprobleme in Luft auflösen.

Die gigantische Staatsverschuldung sei im Namen der sozialen Gerechtigkeit entstanden, so Wehaus. Starker Tobak, nein, dreist! Wem sind denn die 500 Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm der letzten Bundesregierung zugutegekommen? Den Banken oder den sozial Schwachen? Einige Bank- und Wirtschaftsmanager fahren „ihre“ (?) Firmen an die Wand, indem sie mit fremdem Geld riesige Spekulationsblasen schaffen oder Fehlentscheidungen fällen. Sie verantworten die aktuelle Krise. Zur Belohnung werden sie mit Millionenbeträgen abgefunden. Die Essers, Schrempps, Ron Sommers und Jaschinskis (Ex-LBBW-Chef) dieser Welt haben für diese Art von „Leistung“ keine Achtung verdient. Ich ziehe aber den Hut vor den unterbezahlten Beschäftigten in Alten- und Pflegeheimen, in Krankenhäusern und Kindergärten, vor pflegenden Angehörigen! Sie sind die wahren Leistungsträger unserer Gesellschaft!

Wohin der Neoliberalismus führt, haben die meisten Menschen verstanden, Herr Wehaus auch? Mit Neid haben diese einfachen Tatsachen überhaupt nichts zu tun, sondern mit Gerechtigkeit !

Leserbriefe

Kirchlicher Substanzverlust

Eugen Wahl, Nürtingen. Zum Artikel „Miteinander auf dem Weg“ vom 7. Dezember. Auch wenn man gemeinsam ein Papier mit dem Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung unterschreibt, kann man dennoch unterschiedliche Ziele verfolgen. Das hat die fragwürdige weltanschauliche Praxis von…

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