Leserbriefe

Warum findet kein Umdenken statt?

10.07.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Klaus Nägele, Nürtingen. Zum Artikel „Mehrheit für Bau der Neckarvillen“ vom 24. Juni. Was müsste passieren, um ein Umdenken zu erzielen? Betrachte ich die Politik des Gemeinderates der Stadt Nürtingen, so stellt sich mir genau diese Frage. In meinen naiven Träumen stelle ich mir einen Gemeinderat und vor allem den Bürgermeister immer wieder als ein Gremium, ausgestattet mit einer Vielzahl von Fähigkeiten, vor. Bei jeder Sitzung treffen sich gewählte Vertreter der Bürger Nürtingens und verhandeln mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen über die Geschicke der Stadt. Jedes einzelne Mitglied prüft vor jeder Abstimmung sein Gewissen, wägt Argumente ab, fühlt in sich hinein, prüft, ob er damit auch wirklich allen gerecht werden kann, und sollten Zweifel bleiben, bringt er diese Zweifel zum Ausdruck und bittet um Klärung oder Vertagung der Entscheidung.

Die Vielzahl der verschiedenen Aufgaben und Interessen machen diese Aufgabe nicht gerade einfach. In meinem Traum hat jedes Mitglied im Gemeinderat und vor allem der Bürgermeister einen idealen Mix an Fähigkeiten. Kompetenzen in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Soziales. Jeder hat Durchsetzungsvermögen, aber auch ein Gespür für die Belange der Bürger. Jeder spürt, wo seine Grenzen liegen, und ist kritikfähig. Jeder prüft sein Gewissen und übergeht auch keine Minderheiten. Jeder ist sich der Tragweite seiner Stimme bewusst und verschiebt lieber eine Entscheidung, bevor er nicht alle Möglichkeiten, und seien diese auch in erster Betrachtung noch so utopisch, geprüft und sich damit vertraut gemacht hat. Wie gesagt es ist ein Traum.

Die Realität sieht leider anders aus. Aber was müsste passieren, um ein Umdenken zu erreichen? Manchmal ist es eben nicht entscheidend, ob etwas nur juristisch durchsetzbar ist, ob etwas verwaltungsrechtlich tragfähig ist. Diese Vorgehensweise hinterlässt in der Regel einen doch sehr fahlen Beigeschmack. Die Geschicke zu leiten setzt Lernfähigkeit und Kritikfähigkeit voraus, gerade weil die Lebensumstände sich scheinbar immer schneller verändern. Dabei hat in meinem Traum der Gemeinderat nur eine Aufgabe: zum Wohle der Bürger zu handeln. Und immer wieder dieses Wohl möglichst aller Bürger nicht aus den Augen zu verlieren. Alles andere tritt hinter diese Aufgabe zurück oder ist nur Mittel zum Zweck. Grundstücksgeschäfte, Investoren, Firmeninteressen und auch der ganze Verwaltungsapparat sind im Sinne des Gemeinderates nur Mittel zum Zweck. Dieses „was müsste passieren, um ein Umdenken zu erreichen?“ treibt mich schon seit Längerem um. Das wäre doch mal ein spannendes Thema für die nächste Sitzung. Als Reaktion auf die Querelen der letzten Monate und Jahre. Aber halt, ich glaube ich muss aufwachen.

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