Leserbriefe

Unglaubliche Provokation

12.05.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hartmut Schewe, Aichtal-Neuenhaus. Zum Artikel „Carter lobt deutsche Kehrtwende“ und zum Kommentar „Nicht nur reden“ vom 4. Mai. Den Medien ist zu entnehmen, dass der US-Kriegsminister Carter Deutschland lobt ob der Bereitschaft, den Frieden an der russischen Grenze zu sichern. Ob der sich Gedanken darüber gemacht hat, wie es Russen, Polen und Balten empfinden müssen, wenn 70 Jahre nach dem schlimmsten aller Kriege erneut deutsches Militär auf ihrem Boden beziehungsweise an der Grenze zu Russland steht? Hat die Bundesregierung darüber nachgedacht? Darüber nachgedacht, dass dieses Vorgehen eine unglaubliche Provokation Russlands darstellt und genau das hervorrufen kann, was es angeblich verhindern soll? Wir können von Glück reden, dass derzeit ein Präsident Putin mit einem hohen Maß an Verantwortungsbewusstsein und diplomatischer Zurückhaltung im Kreml regiert. So die klaren Worte eines einstigen Falken der Reagan-Regierung, Dr. Paul C. Roberts („Amerikas Krieg gegen die Welt . . . und seine eigenen Ideale“). Der meinte auch, die Europäer müssten „. . . die NATO abschaffen, wenn die Welt und die Europäer selbst überleben wollen“. Er schreibt auch von der „militärischen Einkreisungspolitik der USA gegen Russland und China“.

Jeder wird ihm zustimmen müssen, der Landkarten zu lesen vermag. Nun war es schon immer Kalkül der USA, ihre Verbündeten allüberall und jederzeit in ihre militärischen Abenteuer einzubinden. Als willfährige Domestiken und Hiwis. Und Mitverantwortliche. Als bisher einziger deutscher Kanzler wagte sich Schröder diesem Ansinnen zu widersetzen, indem er Deutschland nicht in den Irak-Krieg hineinziehen ließ. Außerdem setzte er den Bau der Ostsee-Pipeline durch.

Und jetzt kommt ein gewisser George Friedman ins Spiel. Das ist ein US-Scharfmacher vor dem Herrn, gründete 1996 STRATFOR (wird auch als zweite CIA bezeichnet) mit allerengsten Beziehungen zu jeder US-Regierung. Der erteilt ihr Tipps, wie die alleinige Weltherrschaft zu sichern sei. Dies ginge nur, wenn es gelänge, eine enge Bindung zwischen Deutschland und Russland zu verhindern. Nur ein solches Bündnis könne die Weltherrschaft der USA in Frage stellen. Seit hundert Jahren hätten die USA sich bemüht, ein solches Bündnis zu vermeiden – da trifft es sich doch gut, deutsches Militär an Russlands Grenzen zu wissen. Das hat der US-Verteidigungsminister mit seinem zweifelhaften Lob gemeint. TTIP ist ein weiteres Bausteinchen in dieser Strategie, denn nicht allein mit militärischen Mitteln ist die Welt zu beherrschen, sondern vor allem mit wirtschaftlichen. Rechnet man die Verteidigungsausgaben von USA/NATO zusammen, sind die doppelt so hoch wie die des gesamten Restes der Welt. Und das soll der Verteidigung dienen?

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