Leserbriefe

Turbokapitalismus hat scheinbar gesiegt

22.12.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Stefan Kromer, Wendlingen. Zum Leitartikel „Wirtschaftliche Interessen“ vom 13. Dezember. Das beste Mittel gegen Gier, Kungelei und Korruption ist der freie Markt. Jenes Mantra betete Rainer Wehaus dem Leser vor. Dass der Markt ein gerechter sei und der böse Staat mit seinem vielen künstlich verbilligten Geld ein Mitauslöser der jetzigen Bankenkrise sei, auch diese Erkenntnis wollte Herr Wehaus mit der Leserschaft teilen. Vergessen hat er leider zu erwähnen, dass der freie Markt in seinem Sinne ja gar nicht existiert. Denn wenn es den Kräften des freien Marktes, sprich den Bankern und anderen Zockern, in den Kram passt, dann darf sich der Staat sehr gerne in Form von Milliardenhilfen am Marktgeschehen beteiligen. Natürlich wird dem Leser auch unterschlagen, dass private Ratingagenturen durch ihre von privaten Interessen gesteuerten Bonitätsbewertungen dafür sorgten, dass Ramschimmobiliendarlehen auf einmal für wertvolle Geldanlagen gehalten wurden.

Dass Herr Wehaus alle Menschen zu skrupellosen Egoisten abstempeln will, um sein Weltbild stimmig zu machen, beruht hoffentlich nur auf einer gesunden Selbsteinschätzung. Natürlich schaut jeder Mensch zunächst nach sich selbst. Womit aber der Einzelne letztendlich zufrieden ist, ist in der Realität höchst unterschiedlich. Der Homo oeconomicus ist eine Schöpfung der neoliberalen Wirtschaftsprediger, den es in der Realität nie geben kann. Voraussetzung wäre schon mal die umfassende Information über alle marktrelevanten Zusammenhänge, was mehr als utopisch ist. Menschen werden nicht nur von Gier, sondern auch von Dingen wie Mitgefühl, Solidarität oder Mitleid in ihren Entscheidungen beeinflusst. Die meisten Menschen wollen ihr Gegenüber nicht übervorteilen, sind nach Möglichkeit verteilungsgerecht, weil sie hoffen, genauso behandelt zu werden.

Die Berliner Mauer hatte den Vorteil, dass unsere Politiker den sozialen Gedanken lebten, um sich vom Osten abzugrenzen. Offensichtlich gibt es seit dem Zusammenbruch des Ostblocks diese Motivation nicht mehr, da das System des Turbokapitalismus scheinbar gesiegt hat. Dies muss aber nicht zwingend bedeuten, dass man alle Auswüchse kritiklos hinzunehmen hat.

Leserbriefe

Überhört Herr Grabitz kritische Stimmen?

Kai Hansen, Nürtingen. Zum Artikel „EU droht Milliardenklage wegen Pflanzenschutzmittels“ vom 11. November. Der Journalist Markus Grabitz gewährt dem weltgrößten Glyphosat-Hersteller Monsanto auf Seite eins der Wochenendausgabe der Nürtinger Zeitung eine prominente Bühne und betreibt zudem deren…

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