Leserbriefe

Toleranz ist keine Einbahnstraße

15.01.2014, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Dirk Gervelmeyer, NT-Raidwangen. Zum Artikel „Sexuelle Vielfalt auf dem Stundenplan“ vom 8. Januar. Im Bericht wird eine Pressemitteilung der GEW Baden-Württemberg vom 30. Dezember 2013 mit dem Titel „Schule ist kein Ort für Fundamentalisten“ zitiert. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz stellt fest: „In jeder Klasse sind statistisch gesehen zwei Schüler schwul oder lesbisch.“ Also circa zehn Prozent aller schulpflichtigen Jugendlichen in Baden-Württemberg. Denn laut Statistischem Landesamt Baden-Württemberg lag 2012/2013 die durchschnittliche Klassengröße in allgemeinbildenden Schulen bei 20,4 Schülern, in beruflichen Schulen bei 18,2 Schülern. Die Richtigkeit der Zahlen der GEW bezweifle ich stark und frage mich, welche statistischen Daten Frau Moritz vorliegen? Für Deutschland liegt bisher kein „hartes“ Zahlenmaterial vor. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) führt drei neue sexualwissenschaftliche Studien an, nach denen wahrscheinlich zwischen 2,7 und 1,1 Prozent der Männer sowie 1,3 und 0,4 Prozent der Frauen ausschließlich homosexuell sind. Legt man diese Zahlen zugrunde, ergeben sich bei Verwendung des höchsten Wertes circa 0,5 schwule oder lesbische Schüler pro Klasse. Warum wird den Bürgern vom Interessenverband der Pädagogen und Wissenschaftler suggeriert, dass circa zehn Prozent der Jugendlichen homosexuell seien?

Sicher ist die Forderung nach Toleranz für eine Bevölkerungsgruppe mit homoerotischem Empfinden richtig. Auch die Aufnahme in den neuen Bildungsplan kann nachvollzogen werden. Jedoch ist nicht akzeptabel, wenn eine gesellschaftliche Minderheit (nicht zehn, sondern circa zwei Prozent) überproportional berücksichtigt wird und andere gesellschaftliche Gruppen mit Akzeptanzdefiziten, aber mit offensichtlich weniger medialer Unterstützung, gar nicht oder unterrepräsentiert vorkommen, zum Beispiel ethnische Minderheiten, Behinderte et cetera. Ich wünsche mir in der weiteren Diskussion einen sachlichen Umgang – auch mit Zahlen – und ein faires Vokabular: Wer sich kritisch mit diesem Thema befasst, ist nicht automatisch homophob, Fundamentalist oder Rechtspopulist, und Toleranz ist keine Einbahnstraße.

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