Leserbriefe

Postfaktisch und die Arbeit der Presse

14.01.2017, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Christof Deutscher, Kohlberg. Zum Artikel „Postfaktische Zeiten? Lügenzeiten?“ vom 7. Januar. Ein bemerkenswert „informativer“ Artikel. Wundern musste ich mich, dass hier de facto der Begriff „Postfaktisch“ mit „Lügenzeit“ gleichgesetzt wird und „Mann“ (Herr Reinhardt) auch wieder in den typisch deutschen Reflex – auf das Dritte Reich mit Hitler und seinen üblen Konsorten Bezug zu nehmen – verfällt, beschwörende Warnungen auszusprechen und den Zeigefinger zu erheben. Der gleichzeitige Versuch, einen aktuellen Bezug zur AfD, zu Großbritannien und den USA herzustellen ist angesichts der Wählerstimmenverteilung wohl faktisch falsch, unsachlich obendrein und schlichtweg aus meiner Sicht ein Fehler.

Die generelle Frage, die sich hier stellt, ist doch diese: Können Zahlen und Fakten wirklich immer korrekt und ohne persönliche Interpretation von jedermann dargestellt werden? Heißt es nicht besonders in der Politik, dass nur „den Statistiken und Zahlen getraut werden kann, die man selbst erstellt (fälscht) und veröffentlich“? Wird nicht schon im Kinderlied von Pippi Langstrumpf gesungen: „2 mal 3 ist 4 . . . ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt“? „Postfaktisch“ ist doch kein Phänomen der Neuzeit, sondern auch ein ganz gehöriger Teil der Pressearbeit. „Postfaktisch“ war zum Beispiel Christian Wulff – ja, genau der, der vor allem von den Medien geschasste Ex-Bundespräsident – letztendlich und bewiesenermaßen unschuldig. Es kommt also immer darauf an, was man daraus macht. Muss denn die Presse heute wirklich so schnell Menschen, einzelne Gruppierungen, Parteien und nun schon ganze Nationen mit den Begriffen „postfaktisch“ oder „populistisch“ kategorisieren beziehungsweise damit „abstempeln“? Was ist denn wirklich so schlimm an individuellen „postfaktischen“ Zahlenspielen und Verhaltensweisen? Diese dürfen wir doch Jahr für Jahr bei den etablierten Parteien und ihren führenden Politikern hautnah miterleben. Ganz besonders doch nach Wahlen, wenn vollmundige Wahlversprechen auf Basis „eindeutiger“ Zahlen durch „postfaktische“ Verhaltensweisen wieder in den Papierkorb wandern.

Wenn man sich an ein lateinisches Sprichwort halten würde, wäre schon vielen viel geholfen. „Si tacuisses, philosophus mansisses“ – „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben“.

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