Leserbriefe

„Pathologische Kritiksucht“

25.06.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Dr. Michael Fietzek, Wolfschlugen. Zum Artikel „Köhler war zum Abschuss freigegeben“ vom 2. Juni.

Vermutlich empfanden viele Mitbürger, nachdem sie mit einer Menge halbgarer Nachrichten versorgt worden waren, dies auch so: Wenn ein Politiker dem Trend aus der letzten Fernsehbefragung oder den gerade aktuellen Erwartungen (wessen Erwartungen eigentlich?) nicht entspricht, dann wird er freigegeben.

Um einen Mangel an nachträglichen, mehr oder weniger gescheiten Interpretationen dieses Geschehens braucht man sich nicht zu sorgen. Köhler habe „zu schnell reagiert, zu überzogen, sei zu empfindlich – so einer muss als Politiker doch mehr aushalten können“.

Warum eigentlich? Damit unserem Unterhaltungsbedürfnis, unserer fast sportlich ausgelebten Kritiklust jederzeit jemand zur Verfügung steht, den wir nach Belieben abwatschen oder prügeln können? Damit weiterhin 30 bis 50 Prozent der Wähler eine Legitimation haben, ihren Hintern nicht heben zu müssen, wenn sie sich bei Wahlen politisch festlegen sollen?

Die im ganzen Leben unerlässliche kritische Sicht aller Umstände ist (nicht nur in der politischen Kultur) seit einigen Jahrzehnten zu einer pathologischen Kritiksucht geworden, der man risikolos in bester Gesellschaft frönen kann. Jürgen Trittin wirft wider besseres Wissen dem Bundespräsidenten eine „Kanonenbootpolitik“ vor. „Der Spiegel“ startet eine Art von Hüftschuss-Aktion, zu der er sich durch eine kleine Menge chronisch unterbeschäftigter Twitterer motivieren lässt (Pfingstferien-Loch, neue Themen werden gesucht), und legt eine Duftspur in Richtung Demenz, juristisch natürlich als Verdacht sauber abgesichert.

Man kennt das ja: Das ganze Programm ist gestartet, wird ablaufen – und keiner war’s. Wenn der Politiker Horst Köhler sich dem entzieht, dann empfinde ich das nicht als Flucht. Die Art und Weise, in der er seinem Land wertvoll, verantwortungsbewusst und mit einem der Würde des Amtes entsprechenden Ernst gedient hat, verträgt keine Spielchen. Vielleicht bewirkt er mit seinem wenig windschlüpfrigen Rücktritt sogar, dass der „Ruck durchs Land geht“, den sein Vorgänger Roman Herzog uns allen und damit auch der politischen Kultur gewünscht hat.

Indem er zeigt, dass auch in der Politik Menschen agieren, die sich um andere Menschen ernsthaft sorgen und nicht nur um die eigene Ideologie oder das eigene politische Überleben. Und dass es sich bei Politikern nicht um Zombies oder um „laufende Keiler“ handelt, die zur Belustigung wie in einer Schießbude abgeschossen werden können.

Leserbriefe

Wir brauchen Parteien, die Mut machen

Patrik Müller, Beuren. Zum Artikel „Die DNA der früheren CDU“ vom 15. September. Frau Kosova kann man zu ihrer gelungenen Integration in Deutschland nur gratulieren. Ich kann allerdings überhaupt nicht nachvollziehen, wie sich eine aus Usbekistan stammende Frau mit jüdischen Wurzeln, die in…

Weiterlesen

Weitere Leserbriefe Alle Leserbriefe