Leserbriefe

Nahverkehr und Menschlichkeit

04.07.2015, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Katharina Kuchinke, Frickenhausen. Zum Kommentar „Höchste Zeit“ vom 30. Juni. Alexander Ikrat hat recht, wenn er harte und konsequente Strafen für Schwarzfahrer fordert, die das ganz bewusst auf Kosten aller anderen Fahrgäste tun. Seine Denkanstöße zu Ticketbeschaffung und -kosten möchte ich gerne noch ergänzen: Denn was ist mit denen, die ohne es zu wissen „schwarzfahren“?

Vor zwei Wochen kam mein Sprachschüler (ein Flüchtling) auf mich zu und erzählte mir, er müsse 40 Euro bezahlen. Er hatte ein korrektes Ticket nach Stuttgart gelöst, wollte sich dort mit einem Freund treffen, der ihn warten und später zu einem anderen Treffpunkt kommen ließ. Auf dem Weg dorthin wurde er nun kontrolliert. Seine Fahrkarte hatte ihre Gültigkeit verloren, da er bereits über zwei Stunden unterwegs war (wobei diese begrenzte Gültigkeit nirgends auf der Fahrkarte vermerkt ist und er um diese Einschränkung auch nicht wusste). Einer der beiden Kontrolleure zeigte Verständnis, hätte ihn nach Aufnahme der Personalien wohl gerne unbescholten davonkommen lassen, der andere blieb aber hart und verhängte die Strafe.

Ein zweites Beispiel – ebenso von Flüchtlingen: Sie hatten ein gültiges Ticket. Da aber der Zug so voll war, liefen sie von Abteil zu Abteil, bis sie schließlich Platz fanden, nur leider – ohne es zu merken – im Abteil der ersten Klasse. Die Kontrolleurin verhängte eine Strafe und war auch von einer zufällig anwesenden Polizistin, die sich für die Flüchtlinge einsetzte, nicht davon abzubringen.

Auf meine schriftliche Darstellung des ersten Falls kam eine recht hochnäsige Antwort der SSB mit dem Fazit: Kein gültiger Fahrschein – also bezahlen. Kein Nachdenken darüber, in Zukunft die Gültigkeitsbedingungen deutlich auf die Fahrkarte zu drucken, kein Wort dazu, dass es der erste (und unwissentliche) Regelverstoß des jungen Mannes war, der ein korrektes Ticket gekauft hatte, nur um die Bedingungen nicht wusste. Keinerlei Menschenfreundlichkeit. Eine Antwort dazu vom Aufsichtsratsvorsitzenden der SSB, Oberbürgermeister Fritz Kuhn, steht derzeit noch aus. Mag sein, dass der Bahnanbieter juristisch gesehen „im Recht ist“ – aber moralisch gesehen empfinde ich dieses Vorgehen als großes Unrecht, als Abzocke, die die Falschen trifft und die jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lässt.

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