Leserbriefe

Letzte Chance

12.07.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Bruno Bienzle, NT-Zizishausen. OB Heirich, die Sprecher der Fraktionen von CDU, SPD und Freien Wählern sowie die Vertreter der FDP im Nürtinger Gemeinderat haben sich zweimal vehement gegen einen Bürgerentscheid in der Frage der Ansiedlung eines monströsen Distributionszentrums der Hugo Boss AG auf dem Großen Forst ausgesprochen. Der Oberbürgermeister, Mitglied einer Partei, die in ihrem Parteiprogramm die Stärkung der direkten Demokratie und mehr Bürgerentscheide auf kommunaler Ebene fordert, vertrat dabei die Ansicht, die Verkürzung auf Ja oder Nein werde dem Spektrum der zu beachtenden Aspekte nicht gerecht, weshalb der Gemeinderat diese Entscheidung nicht aus der Hand geben dürfe.

Da dieser OB erst seit viereinhalb Jahren mit Nürtingen befasst ist, liegt es nahe, auf ein Ereignis aufmerksam zu machen, das vor 20 Jahren diese Stadt vor einer teuren Torheit bewahrt hat. Stadtverwaltung und eine deutliche Mehrheit des Gemeinderats hatten sich damals für den Bau eines atombombensicheren Schutzraums unter dem Rathausneubau ausgesprochen. Die Befürworter sprachen von Daseinsvorsorge, von Verantwortung fürs Gemeinwohl und einer Schicksalsfrage für Nürtingen. Auch mit den Arbeitsplätzen, die der Bau schaffe, wurde argumentiert. Die Gegner wurden als verantwortungslose Zeitgenossen diffamiert, die Nürtingens Bürger schutzlos sowjetischen Atombomben ausliefern wollten. Dennoch wurde der Bunker am 16. März 1986 mit 11 826 zu 2057 Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 57 Prozent abgelehnt. Der damalige Fraktionsvorsitzende der CDU, Erich Besemer, empfand das Votum als „tragischen Irrtum“ und kommentierte: „Jeder ist jetzt für die nächsten hundert Jahre dazu verdammt, sich nicht schützen zu können.“ Und Walter Staffa, jüngst ebenfalls mit der Verdienstmedaille der Stadt ausgezeichnet, führte den von ihm als Niederlage empfundenen Ausgang des ersten Nürtinger Bürgerentscheids wohl unfreiwillig doppeldeutig auf „die Antipathie gegen den Krieg“ zurück.

Was lernen wir daraus? Bürgerinnen und Bürger scheinen nicht ganz so unfähig zu richtungsweisenden Entscheidungen zu sein, wie sie dieser Tage von Amtsträgern und Kommunalpolitikern dieser Stadt hingestellt werden. Nürtingens SPD mit dem inzwischen zu den Freien Wählern gewechselten Helmut Nauendorf als Wortführer gehörte damals übrigens – zusammen mit Grünen und einer Frauenliste – zu den Befürwortern eines Bürgerentscheids, der laut Nürtinger Zeitung von der „breitesten Initiative der Stadtgeschichte“ initiiert worden war. Warum soll heute falsch sein, was die Stadt damals vor einer Fehlentscheidung bewahrte? Nürtingens Bürger verdienen Vertrauen. Am Dienstag bietet sich dem Gemeinderat die letzte Chance zur Kurskorrektur.

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