Leserbriefe

Krieg befreit von den Fesseln der Moral

22.03.2013, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hellmut Kuby, Nürtingen. Zum Artikel „Die Schuld des Einzelnen“ vom 21. März. Da versucht man mit einem dreiteiligen (hochgelobten) Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ das Fernseh-Publikum durch die Darstellung der Lebensgeschichte von fünf Freunden über den Zweiten Weltkrieg aufzuklären – 68 Jahre nach seinem Ende. Was versprechen sich die (ehrlich bemühten) Initiatoren, Filmemacher und die Lobredner davon? Haben die die Hoffnung, dass Menschen durch realistisch dargestellte Geschichte für sich, das heißt für ihr eigenes Verhalten etwas lernen – im Gegensatz zur Schulbuch-Geschichte? Daran glaube ich nicht. Krieg ist, auch wenn er noch so spannend und erschreckend dargestellt wird, Geschichte, weit weg von der Lebenswirklichkeit der Nachgeborenen. Das Grauen des Ersten Weltkrieges, in dem die Heerführer Hindenburg und Ludendorff 1918 (verbrecherisch!) Abertausende deutscher Soldaten sinnlos in den Tod geschickt hatten, hatte 1939 nur 20 Jahre danach keine abschreckende Wirkung. 1945 war das anders für mich (und andere Überlebende) und ist es bis heute geblieben. Obwohl es mir (im Mai 1945 war ich 19 Jahre alt) Gott sei Dank erspart geblieben ist, im Krieg auf Befehl oder aus ideologischer Verblendung Verbrechen zu begehen, hat unsere Generation erfahren, dass Krieg Verbrechen ist. Dass Krieg die Menschen von den Fesseln der Moral befreit. Das gilt ausnahmslos für alle Kriege, auch wenn sie – denn als erstes stirbt im Krieg die Wahrheit – mit noch so schönen Worten verharmlost werden. Deshalb war Krieg 1945 weltweit geächtet.

Offizielle Äußerungen gegen Krieg und Militarismus waren an der Tagesordnung, sogar von Franz Josef Strauss. Kriegsteilnehmer, die überlebt hatten, konnten traumatisiert (wie man heute sagt) nicht darüber sprechen. Und? Schnell, nur zu schnell, waren sie wieder da, die den lateinischen Satz predigten „Si vis pacem, para bellum“ auf Deutsch: „Wenn du Frieden willst, musst du zum Krieg rüsten.“ Das Wettrüsten begann, brachte zwar ein bisschen Angst, aber viel mehr scheinbaren Wohlstand in die Welt.

Voll Stolz ist die BRD heute weltweit drittgrößter Vernichtungswaffen-Exporteur (mit minimaler Arbeitslosigkeit!). Während 1991, als die USA im Irak Krieg führten, aus Entsetzen darüber in Deutschland sogar der Karneval und die Fasnet ausfielen, wurde Krieg in der Folgezeit (schleichend) wieder zur gesellschaftlichen Normalität. Nur acht Jahre später, am 24. März 1999, war es dann so weit: getragen von breiter Zustimmung der Bevölkerung wird Deutschland durch Teilnahme am Kosovo-Krieg wieder eine Krieg führende Nation. Ein Ereignis, das wir den Anführern von SPD und Grünen, Gerhard Schröder und Joschka Fischer verdanken, was ihnen in ihrer Popularität nicht geschadet hat. Für mich ist der 24. März 1999 immer noch der traurigste Tag der deutschen Nachkriegsgeschichte – denn es war ja nur der Anfang. Es scheint so zu sein, dass nicht Leben in Frieden sondern Krieg ein Menschenrecht ist. Vor fast 100 Jahren war Otto Umfrid mit seinen Gedanken „Für eine Welt ohne Krieg“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Leserbriefe

Friedens-Nobelpreis gegen Atombomben

Peter Främke, Neckartailfingen. Zum Artikel „Der Appell“ vom 7. Oktober. Es kommt selten vor, dass ein Kommentar von Wolfgang Molitor in der Nürtinger Zeitung Zustimmung finden kann, aber diesmal hat er mit Recht den Friedensnobelpreis gelobt, den die „Internationale Kampagne zur Abschaffung von…

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