Leserbriefe

Jungfrauen und Stadträte

05.02.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. (1) Und dann ist es mit dem Königtum der Himmel gleich wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinauszogen dem Bräutigam entgegen. So schreibt Matthäus im 25. Kapitel (Übersetzung und Satzzeichen von dem legendären Tübinger Altphilologen Fridolin Stier). Ersetzt man Königtum der Himmel durch Großer Forst, erhält man eine nette Predigtvariante, die sich neben den vielfach arg bemühten Ausdeutungen seit dem Mittelalter durchaus sehen lassen kann.

Werden gar Stadträte anstelle der Jungfrauen gesetzt, wirds mindestens so gaudig wie in mancher sogenannten Faschingspredigt: (2) Fünf von ihnen waren dem Aberwitz verfallen und fünf waren verständig. Im Weiteren aktualisiere ich: (3) So hatten denn die Aberwitzigen nur ein Stück Ackerland, aber kein Umlegungsverfahren. (4) Die Verständigen dagegen hatten Rechtssicherheit beigebracht, hin bis zur Enteignung. Auch im Folgenden sind die Parallelen verblüffend: (5) Als der Investor sich Zeit ließ, nickten alle ein und schliefen. (6) Mitten in der Nacht aber erscholl ein Schrei: Da der Investor! Hinaus ihm entgegen! Das ist der Punkt. Wer will denn, wenn der große Unbekannte einen Spalt breit sich und seine Pläne zu erkennen geben wird, wer will dann so blöd dastehen wie jene Ehrenjungfrauen, die keine Vorsorge trafen?

In Nürtingen ist allerdings noch offen, wer Narr ist und wer auf der Höhe der Zeit. Der gnadenlose Umgang mit bestem Ackerland riecht nach Torheit. Die Demutshaltung vor dem geheimnisvollen Investor ist zumindest servil. Willst du, noch verhüllter Geheimnisvoller, diese Flur annehmen und ihr die Treue halten, bis dass die Marktentwicklung euch scheidet, siehe Nokia? Was aber, wenn der Bräutigam nicht kommt? Dann wird es heißen: Bist nicht auch du einer von denen, die ihn vertrieben haben, und hier ist noch einer, und auch dort? Geht man aber nur dann in das städtische Geschichtsbuch ein, wenn man vorher kräftig umgegraben hat? Reicht es nicht zu kommunalem Ruhm, wenn man Torheiten ausgewichen ist und Würde bewahrt hat? Was hat ein angeblich Großer zu verbergen, dass man ihm zusichern muss, Ross und Reiter zu verschweigen? Und wer sind wir Nürtinger eigentlich, dass wir uns diese Entmündigung gefallen lassen sollen?

Leserbriefe

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