Leserbriefe

Integration braucht Zeit

05.11.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Peter Reinhardt, Neckartenzlingen. Zum Leserbrief „Ist das deutsche Volk bedroht?“ vom 29. Oktober. Unsinn! „Das wird man doch mal sagen dürfen!“ – ja, vielleicht gibt es Sachen, die mal gesagt werden müssen. Wenn in einem Leserbrief behauptet wird, das deutsche Volk sterbe aus, so muss man die Antwort geben dürfen: Unsinn! Die Zahlen, die da genannt werden, will ich nicht nachprüfen – sie erscheinen mir höchst zweifelhaft; aber bei Zahlen kommt es ja immer darauf an, wie man rechnet, um das Ergebnis verkünden zu können, das man gerade braucht.

Etwas anderes ist gewichtiger: das deutsche Volk als erhaltenswerte, kostbare Einheit hat es nie gegeben. Die Nazis haben damit ihren Kult getrieben, und davon lebt scheint’s manches bis heute fort. Wer sich ein bisschen in der deutschen Geschichte auskennt weiß, die Deutschen waren immer eine gemischte Gesellschaft – zumeist aus Wirtschaftsflüchtlingen und/oder Kriegsflüchtlingen. Schon die Germanen waren höchstwahrscheinlich kein einheitliches Volk. Die Römer haben alles, was da bedrohlich aus dem Norden auf sie zukam, mit dem Sammelnamen „Germanen“ bedacht. Wir wissen sehr wenig von ihnen, wir wissen nur, dass sie vor den kriegerisch überlegenen Hunnen flohen – also „Kriegsflüchtlinge“ waren. Und sie strebten dahin, wo sie sich bessere Lebensbedingungen erhofften – also „Wirtschaftsflüchtlinge“. Ein Teil wurde bei uns zu „den Deutschen“. Und immer wanderten Menschen ein und andere aus. Ganz besonders als die Pest im Spätmittelalter wütete, wurden die Lücken zum Teil natürlich von außen aufgefüllt. Erst recht im Dreißigjährigen Krieg, als Deutschland zu etwa einem Drittel entvölkert war. Die Lücken waren erstaunlich schnell wieder geschlossen – woher wohl? Und all die Kriege, die über Deutschland hinzogen, hinterließen Spuren auch in der Bevölkerung. Und alle, die da zu uns kamen, waren spätestens nach 100 Jahren gute Deutsche.

Am deutlichsten kennen wir das von den Osteuropäern, besonders von den Polen, die im Zuge der Industrialisierung um 1900 zu uns kamen. Auch sie sind inzwischen zumeist gute Deutsche. Natürlich werden die, die jetzt zu uns kommen, eine gewisse Zeit brauchen, bis sie ebenfalls „echte Deutsche“ werden. Wer glaubt, Integration könne ruck, zuck funktionieren, ist realitätsfremd. So etwas braucht Zeit, sicher mehrere Jahrzehnte. Und es wird umso länger dauern, je mehr Menschen glauben, sie müssten Horrorängste schüren und damit die Integration von deutscher Seite aus erschweren. Natürlich gibt es Veränderungen; wer möchte denn in der Zeit vor 100 oder gar 200 Jahren leben? Wenn in dem Leserbrief steht: „Erstmals in seiner 1000-jährigen Geschichte ist das deutsche Volk in seiner Substanz akut bedroht“, so ist das ein horrender Unsinn – dem man mal in aller Deutlichkeit widersprechen muss.

Leserbriefe

Schulen können selbst bestimmen

Heinz Vogel, Oberboihingen. Zum Artikel „Vorletzter bei Ganztagsschule“ vom 18. Oktober. Interessant, dass jetzt die Bertelsmann-Stiftung bestimmt, was gut und was schlecht ist. Zu den Fakten: Die Einführung einer Ganztagsschule im Ort bestimmt laut Gesetz der Schulausschuss einer Schule,…

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