Leserbriefe

Immer nur Ventil und Ausrede

14.09.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Eberhard Ellwanger, NT-Reudern. Zum Leserbrief „Gambia wird als Reiseland angeboten“ vom 7. September. Herr Ackermann lässt uns gerne und oft an seinen Sorgen, seinem eingleisigen Weltbild und seinem Zynismus teilhaben – so geschehen bei seiner Reiseempfehlung für Gambia. Ach ja, wieder der „Gutmensch“ – ich muss mal kurz gähnen. Man mag darüber diskutieren, ob seine Sorgen, die er sich wegen der Geflüchteten in unserem Land macht, berechtigt sind oder nicht. Auch ich bin manchmal ratlos, denn die Gefahr von Kriminalität und sozialen Konflikten lässt mich nicht kalt.

Aber ich relativiere meine Sorgen und ich definiere nicht mein Leben mittels Untergangsfantasien. Ich weiß nämlich, wie hoch die Kriminalitätsrate bereits vor 2015 war, weiß auch, was erschreckend viele deutsche (!) Männer den Frauen antun und was es jedes Mal für ein Gebrüll war, wenn fremde Menschen in unser Land „eingedrungen“ sind. Gerne wird geflissentlich übersehen, dass wir ganz schön blöd dastehen würden ohne die vielen „Eindringlinge“ und dass Deutschland seit der Flüchtlingskrise materiell reicher ist als je zuvor.

Manche Menschen brauchen ständig neue Volksgruppen als Feindbild. Sind denn Flüchtlinge überhaupt, und wenn ja, unser einziges Problem? Ist es das, was von den einstigen Zielen der AfD übrig geblieben ist? Dereinst konnte ich nachvollziehen, dass gegen die Ignoranz etablierter Politiker nur die Wahl der AfD als Protest brauchbar erschien.

Aber jetzt: dem Geschrei gegen die Juden, Türken, Russlanddeutschen, „Ossis“ und so weiter folgt halt aktuell das gegen Flüchtlinge. Dabei war keine dieser Gruppen jemals schuld an der Frustration lautstarker Teile unserer Bevölkerung, sondern immer nur Ventil oder Ausrede, wenn man sich mit den komplizierten Vorgängen in der Politik nicht befassen wollte. Deutschland steht, seit ich lebe, schon immer kurz vor dem Untergang. Diejenigen, die ihn jeweils am lautesten bejammerten, waren selten diejenigen, die mit Herz und Empathie etwas Positives bewegt haben.

Klar, nicht alles ist gut in diesem Land und es macht Sinn, sich dagegen zu wehren. Aber halt bei denen, die dafür verantwortlich sind. In der Zwischenzeit können wir uns darüber freuen, was wir schon an Krisen gemeistert und in diesem Land zum Guten verändert haben, was in Deutschland geleistet wird und über unsere menschlichen Werte. Dann geht es uns auch gleich wieder besser.

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