Leserbriefe

Hölderlin und Herr Erwerle

11.10.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Kein Gespräch mit Erwerle“ vom 8. Oktober. Nähe Raststätte Wunnenstein steht an der Autobahn ein braunes Riesenschild: „Hölderlinstadt Lauffen“, mit Bild vom Großen Fritz. Dabei hat der dort nur vier Jahre gewohnt. Am längsten in Tübingen. Kurzzeitig in Frankfurt und Bordeaux. Länger aber bei uns, und weil er darin vielen ein Vorbild sein kann, wird er jetzt groß aufgebaut.

Traut man der Verwaltungsspitze, werden Lauffen und Tübingen bald überrundet und Nürtingen zur „wahren Hölderlinstadt“ ausgerufen. Dazu reißt man raus, was nicht mehr ganz wahr ist. Oder was nicht mehr ganz war. Wenn es dann so weit ist, die Preise eingesammelt und die Lorbeeren geflochten sind, kommen die Chinesen, und jedes Schulkind muss einen Vers vom Hölderlin aufsagen. Dazu Fahnen und Trompeten. Am besten die klirrenden, um ganz nahe am Hölderlin zu texten. Und schmetternde, um all die Irrlichter zu begleiten, die seit ein paar Jahren durch die Pläne flackern. Wer hier bis zur Hälfte des Lebens die wilden Rosen nur gepflückt, die gelben Birnen nur gegessen und nicht die Abrissbirne geschwungen hat, der baut sich nämlich keines mehr – kein Haus etwa, denn das hat er schon woanders, und das wäre jetzt auch von Rilke – vielmehr ein Denkmal. Auf jedem Grünstreifen ein anderes. Weil wir sind jetzt unterwegs zur Stadt der Dichter, wo es so viele hat bei uns wie Heu. Dazu eine Dauerausstellung „Wahrheit und Dichtung“ im Dachgeschoss des Rathauses.

Da flösse wieder Wärme ins gebeutelte Herz, denn durch die Kaltluftschneise vom Großen Forst weht es zugig durchs Rathaus. Und der Schwäbische Heimatbund hat die Backen auch weit aufgeblasen und viel Wind gemacht gegen den Boss auf freiem Feld, wo der Hölderlin beim Spazieren seine Gedichte erfunden hat. Der Herr Technische Beigeordnete redet deshalb nicht mehr mit denen. Das haben sie nun davon, Römer ausgraben, alte Mäuerchen zählen und Streit anfangen. Und vergessen, wer hier seit einem guten Jahr der Herr aller Mäuerchen ist.

Und während der Herr Oberbürgermeister am Ratstisch ein literarisches Seminar zur „Hälfte des Lebens“ serviert bekommt, leitet sein Mann fürs Grobe die praktischen Übungen, baut eine Wand zwischen Braven und Bösen und setzt sich als Zaunkönig oben drauf. Wie beim Hölderlin: Die Mauern stehn sprachlos und kalt. Vor allem sprachlos, denn so weit kommt’s noch, dass der Technische Dezernent mit der bürgerlichen Heimatfront über seine Innenstadt spricht.

Leserbriefe