Leserbriefe

Fädele und Stricknadeln

12.02.2008, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Abgeschnitte-ne Wollefädele waren mein erstes Spiel-zeug. Abfall beim Versäubern maschinen-gestrickter Pullover. Meine Oma holte sie aus dem Sack, schnitt die Fädele ab oder vernähte sie, und Opa trug den Sack wieder zurück zu Gottlob Ebinger, wo er als Strickmeister tätig war. Heimarbeit nannte man das, zusätzlicher Broterwerb vieler Hausfrauen in dieser Stadt der Strick- und Wirkwaren, die uns Bürgern den Namen Stricknadeln gegeben hat. Künftig soll im Großen Forst versäubert werden. Unterhosen aus China. In großem Stil. Zum Versäubern sagt man jetzt Veredelungsprozess. Dabei kriegen die chinesischen Unterhosen das Etikett Made in Germany, besser: versäubert hoch über dem Neckar, mit Blick über die Alpen. Global eben. Diese hoch qualifizierte Tätigkeit zieht natürlich hoch qualifizierte Beschäftigte an. Im Enzenhardt, im Roßdorf und dazwischen im Gänslesgrund wird arbeitsplatznah eine Infrastruktur aufblühen, dass es nur so eine Art hat. Die gewaltige Lohnsumme wird eine Mordsgewerbesteuer abwerfen, und Nürtingen ist aus dem Gröbsten raus.

Hinter all dem steht das Private Equity Unternehmen Permira, ansässig in London. Das Geschäftsgebaren solcher Unternehmen hat Franz Müntefering dereinst mit dem Einfall von Heuschrecken verglichen. Zu Permira gehören etwa der Bezahlsender Premiere, ProSieben, Sat1, der Fischstäbchenschnitzer Iglo, aber auch die Valentino Fashion Group aus Mailand. Und zu der gehört wiederum der Metzinger Boss. Und so nimmt Nürtingen im Großen Forst sozusagen wieder den Faden auf, mit dem an unsere große Tradition als Textil-stadt angeknüpft wird. Indem hier we-nigstens die heikle Restarbeit an chinesischen Unterhosen verrichtet werden darf: Fädele abschneiden. Und Etikettle reinnähen, die einem weismachen, man kaufe deutsche Ware. Katie Melua wird dann vom Fahrrad ab und in ein chinesisches Panty einsteigen und singen: Nine million pants and briefs, in Nül-Ting, thats a fact.

Simone Bauknecht, deren elterlicher Landwirtschaftsbetrieb an das überdimensionale Boss-Lager angrenzen würde, hat bisher zusammen mit der Landjugend dem OB am Maientag Brot und Wein überreicht. Was wird sie nach dem großen Deal mit Boss beibringen? Vielleicht ein Pärle Stricknadeln, weil wieder Arbeit in der Stadt ist wie zu Omas Zeiten listig eingebacken in den Brotlaib, zum sich dran die Zähne Ausbeißen.

Leserbriefe

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