Leserbriefe

Eine kopflose Flüchtlingspolitik

07.11.2015, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Eugen Wahl, Nürtingen. Zum Artikel „Probleme nur durch Handeln zu lösen“ vom 4. November. Bei der Informationsveranstaltung war ich schon gar nicht mehr überrascht, mit wie viel Lob die Ehrenamtlichen überhäuft wurden! Seit die Flüchtlingszahlen in Deutschland vor wenigen Monaten aus den bekannten Gründen in die Höhe geschnellt sind, die staatlichen Stellen täglich „am Anschlag“ arbeiten und unserem populären Landesvater in Stuttgart nach eigenem Bekunden „täglich der Kittel brennt“, sind die freiwilligen Helfer einmal mehr unverzichtbar geworden. Nun werden sie auch in Zukunft fleißig wie die Heinzelmännchen Seit’ an Seit’ mit unseren Soldaten im Einsatz stehen.

Damit einher geht weiterhin der inflationäre Gebrauch des Begriffs der „Willkommenskultur“. In der jüngeren Vergangenheit war dies noch ein Fremdwort und das große Ganze noch nicht im Blick! Nachdem zum Beispiel das ehemalige katholische Gemeindehaus in Oberensingen ab Ende November 2012 schon mit Flüchtlingen belegt war, blieb nach Aussage von Oberbürgermeister Heirich zu Jahresbeginn 2013 die Flüchtlingsthematik weiterhin ein „No-go-Thema“ für den Nürtinger Gemeinderat und Landrat Eininger glaubte noch vor einem Jahr, den Zustrom der Flüchtlinge in seinen Landkreis „souverän“ mit einem eigens verkündeten Aufnahmestopp aufhalten zu können. Nunmehr aber „entdeckt“ man sogar den sozialen Wohnungsbau wieder. Den Flüchtlingen sei Dank!

Wenn es in den nächsten Tagen in unserem Kommunalparlament um die Bebauung der Nanzwiese im Roßdorf geht, kann ich das am Montag zur Schau gestellte Verhalten der maßgeblichen Vertreter der Stadtverwaltung nur mit einer Anleihe bei der Heiligen Schrift kommentieren: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“. Um das Jahr 2000 gab es nämlich stadtteilübergreifend eine Nürtinger Bürgerinitiative gegen Hochspannungsleitungen über Wohngebieten, wo sogar Bürger, einschließlich der Kirche, bereit gewesen wären, mit eigenen finanziellen Mitteln (!) ihre Entschlossenheit zu dokumentieren, die Verlegung der „Stromautobahn“ zu unterstützen. Wenn auf diesem Hintergrund der neu gewählte Technische Beigeordnete der Hochschulstadt Nürtingen am Montag darlegt, dass eine Bebauung bis zu einer Höhe von 9,5 Metern unter der Hochspannungsleitung gesundheitlich unbedenklich sei, dann weiß ich, wie sehr sich die Zeiten auch vor Ort schon geändert haben!

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