Leserbriefe

Ein Ventil für den Antiamerikanismus?

24.10.2017, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

David Vlahek, NT-Reudern. Zum Leserbrief „Systematisierte Russenhetze“ vom 19. Oktober. Herr Schewe macht es sich etwas zu einfach, wenn er jegliche Kritik an der russischen Außenpolitik als „Russenhetze“ brandmarkt. Auf die Gefahr hin, dass ich nun auch als Hetzer gelte, erlaube ich mir an dieser Stelle eine kleine Einschätzung:

Wenn ein Land A militärisch in ein Land B einmarschiert und sich eines Teils des Territoriums von Land B bemächtigt, dann spricht man geläufig von einer Annexion. Genau das ist auf der Krim geschehen und der Begriff wurde nicht etwa nachträglich vom Pentagon erfunden, wie die hier vorgebrachte, abenteuerliche Verschwörungstheorie suggeriert.

Völkerrechtlich gehörte die Krim nie zur Ukraine, wird nun behauptet. Tatsache ist jedoch, dass sich deren Bewohner im Dezember 1991 per Referendum für einen Verbleib in der Ukraine entschieden haben. Auch die Russische Föderation hat die territoriale Integrität ihres Nachbarlandes – inklusive der Krim (!) – im Budapester Memorandum von 1994 anerkannt. Mir ist kein einziger renommierter Professor für Völkerrecht bekannt, der die Annexion der Krim nicht als völkerrechtswidrig klassifiziert.

Herr Schewe wird wohl spätestens an dieser Stelle behaupten, ich sei ein „Russenhetzer“. Da ich selbst Russisch spreche und auch eine Zeit lang in Russland gelebt habe, lasse ich mir diesen Schuh nicht anziehen. Auch dort gibt es Kritiker der Politik Putins (die allerdings vermehrt im Gefängnis landen oder unnatürliche Tode sterben). Die „Russlandversteher“ in Deutschland interessieren sich für diesen Teil der russischen Gesellschaft leider überhaupt nicht.

Für mich bedeutet eine Partnerschaft mit Russland – die ich selbstverständlich für erstrebenswert halte – kein zustimmendes Nicken zu Überfällen auf dessen Nachbarländer. Wer sich wirklich um ein gutes Verhältnis bemühen will (und nicht bloß ein Ventil für seinen Antiamerikanismus sucht), der muss zuweilen auch harte Kritik üben können. Nur so funktioniert eine langfristige Partnerschaft auf Augenhöhe.

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