Leserbriefe

Die Seelenfolter der Abschiebung

28.07.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Klaus-Dieter Tempel, NT-Neckarhausen. Zu den Artikeln „Ich möchte nur meine Familie zurück“ vom 26. Mai und „69 Afghanen abgeschoben“ vom 5. Juli. An seinem 69. Geburtstag wurde der Innenminister Seehofer mit der Nachricht überrascht, dass genau an diesem Tage 69 Asylbewerber abgeschoben wurden. Das sollte eine frohe Botschaft für den Minister sein. Es ist sein bekanntes Anliegen, bei Abschiebungen Härte zu zeigen und diese auch konsequent zu vollziehen. Dasselbe gilt für unseren Innenminister Thomas Strobl. Dabei ist zu beachten, dass in Länder, in denen den Abgeschobenen Folter droht, nicht abgeschoben werden darf. Doch die Abschiebung selbst ist ein Folterinstrument, das gnadenlos von unseren verantwortlichen Politikern angewendet wird.

Familie Bajrami aus Wolfschlugen hat das nach 25 Jahren Aufenthalt dort in einer Januarnacht dieses Jahres erlebt und ist nun dauerhaft einer seelischen Folter ausgesetzt. Der Leib kann überleben, doch die Seele, nachhaltig und tief traumatisiert, stirbt dabei.

Wer kann sich das wirklich vorstellen? Nächtlicher Überfall durch die Polizei. Festnahme, Abführung, Abtransport, ins Flugzeug verfrachtet, auf dem Balkan ausgesetzt. Sie sind nun in einem Land, dessen Sprache sie nicht verstehen, weil sie Albaner sind. Sie haben keine Wohnung, keine Arbeit, kein Einkommen, keine Schule für die minderjährigen Töchter. Sie haben Heimweh, sie haben alles verloren, keine Perspektive für ihr Leben, keine Zukunft. Sie sind allein und verlassen. Tatenlos verbringen sie ihre Tage voller Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Die Verantwortlichen machen ihnen keine Hoffnung auf Rückkehr. Sie stehen zu dieser sinnlosen Anwendung eines Gesetzes, das auch für Erteilung eines Bleiberechts genügend Spielraum gelassen hätte.

Eiskalt und gefühllos sind ihnen die Paragrafen wichtiger als die Menschen und die Menschenrechte. Und die Polizei wird weiter dazu missbraucht, staatlich verordnetes Unrecht zu verüben statt das Recht zu schützen. „Die Polizei, dein Freund und Helfer“. Diesen schönen Satz hat Familie Bajrami, in perverser Weise in sein Gegenteil verkehrt, auskosten müssen.

Meine Bitte an die Verantwortlichen: Die Familie zurückholen, sie von der Seelenfolter zu erlösen, bevor die Seelen in der Fremde sterben, während in Wolfschlugen die Wohnung auf sie wartet. Waren hier wirklich Menschen am Werk und nicht seelenlose Roboter?

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