Leserbriefe

Die Kanzlerin lässt sich von Erdogan vorführen

07.05.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hartmut Schewe, Aichtal-Neuenhaus. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Erst blamiert sich der nationalistische Möchtegern-Pascha in seinem 1000-zimmrigen Schloss bis auf die Knochen wegen einer Satire, die bestenfalls als Realsatire durchgeht, denn alle Tatsachenbehauptungen sind überprüfbar. Dass er in dem harmlosen Liedchen nicht gut wegkommt, liegt in der Natur der Sache. Aus diesem Anlass Gift und Galle zu spucken, ist befremdlich und entlarvend zugleich. Getroffene Hunde bellen. Staatsmänner, die den Namen verdienen, hätten die Angelegenheit schmunzelnd oder verärgert zu den Akten gelegt. Aber nein, stattdessen gibt Ihre Allerhöchstgnaden das Rumpelstilzchen aus Anatolien. Peinlich, peinlich. Damit nicht genug. Als ein deutscher Satiriker es wagt, Erdogan nach Ankündigung am praktischen Beispiel aufzuzeigen, was in Deutschland verboten wäre, brechen alle Dämme, Adrenalin und Testosteron feiern Urstände.

Nun hatte ich noch nie etwas mit Nationalismus am Hut. Die Dumpfbacken von der Neo-Nazi-Szene und Artverwandte liefern tagtäglich eine Unzahl von Gründen dafür. Zudem oder gerade wegen ihres stark eingeschränkten Horizonts sind sie auch noch gefährlich. Zudem bewegen sich Nationalisten gleich welcher Art immer in allerhöchster Gefahr, sich lächerlich zu machen, was Erdogan seit Jahren immer wieder eindrucksvoll beweist. Ob jemand als Türke, Deutscher oder Nepalese geboren wird ist reiner Zufall. Es gibt deshalb nicht den geringsten Grund, sich dessen zu schämen oder zu rühmen. Allerdings kann einen als Deutschen schon ein beklemmendes Gefühl beschleichen, wenn man sieht, wie die Kanzlerin in der Gegend herumeiert und sich von Erdogan am Nasenring vorführen lässt. Erst wird eine grenzenlose Willkommenskultur aufgebaut (die Schlepperbanden freuen sich bis heute), dann verabschiedet sie sich nach und nach davon und schließlich unterwirft sie sich devot einem Despoten, weil sie glaubt ihn zu brauchen. Schließlich erteilt sie die erforderliche Regierungserlaubnis zur Beleidigungsklage nach Paragraf 103 Strafgesetzbuch. Den kannte keiner mehr. Erdogan sieht sich im Aufwind und verweigert einem deutschen Journalisten die Einreise. Souveränität sieht anders aus. Und das gilt für beide.

Dass das Verhalten der meisten EU-Regierungen skandalös unsolidarisch und verantwortungslos ist, verschärft die Sache natürlich. Die Rosinen im Brüsseler Kuchen sind willkommen – eine andere Form der Willkommenskultur – an den Krümeln sollen sich andere laben. Hier tun sich nach Jahrzehnten unter der Diktatur besonders die früheren Ostblockstaaten hervor, allen voran die nationalistischen Regierungen Polens und Ungarns.

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