Leserbriefe

Die Johanneskirche in der Stadtmitte

27.01.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Ellen Schneider, Wendlingen. „Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut“, lautet ein Sprichwort von Augustinus. Im Rückblick möchte ich allen Beteiligten Danke sagen, die zu den einzigartigen musikalischen Ereignissen in der Vorweihnachtszeit beigetragen haben. Der Akkordeon-Club, Gartenschule und Musikschule sowie auch den Initiatoren, die zu den besonderen Abendgottesdiensten einladen. Mühelos und ohne Hindernisse können wir die Kirche mit dem Rollstuhl erreichen und teilhaben. Das zentral gelegene, barrierefreie Kirchengebäude lädt alle ein zur Begegnung, zum Innehalten und Besinnen: weit und hell, die Sitzreihen im Halbkreis, kein oben und kein unten, keine Säule, kein Hindernis, eine herrliche Akustik, einem Konzertsaal ähnlich. Die Kirche prägt das Gesicht der „jungen Stadt“ wie kein anderes Gebäude der Stadtmitte.

Der Ausblick auf den Abriss dieser „jungen“ Kirche lässt viele Menschen mit dem Gefühl der Ohnmacht zurück. Die Fusion der beiden Kirchengemeinden Unterboihingen und Wendlingen wurde verwaltungstechnisch vollzogen und das Immobilienkonzept von oben abgesegnet – doch ein positiver Prozess des Miteinander von Jung und Alt im Dialog hat eine andere Dynamik und Ausstrahlung. Die Veränderungen in kürzester Zeit sind enorm: die Unterboihinger Gemeinde aufgelöst, der Verkauf beider Gemeindehäuser noch vor der Fusion, das „Provisorium“ Lauterschule als Ort des Gemeindelebens und der geplante Abriss der Kirche. Auf dem Hintergrund der „Wendlinger Geschichte“ (von der ich als „Flüchtlingskind“ näheres durch die 75-Jahr-Feier erfahre) fehlt jegliches Feingefühl in der Gestaltung des Prozesses. Rationale Gründe alleine betreffen nur den halben Mensch. Diese Veränderungen berühren die Herzen, die Bindung und Zugehörigkeit zur Gemeinde. Gebäude sind das Gedächtnis einer Stadt. Wendlingen hat viele Er-innerungsorte verloren. Wir Menschen brauchen zur Erinnerung Orte, die uns mit der Vergangenheit verbinden. Die vielen Menschen, die vor 70 Jahren nach Flucht und Vertreibung hier wieder neu eine Zugehörigkeit gefunden haben, sind Teil der Geschichte – und davon gibt die Johanneskirche Zeugnis.

In der Gemeinde ist Freude abhanden gekommen – und Freude kann nicht verordnet werden. „Alles wird gut und nimmt ein gutes Ende. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ (zitiert im Horizonte-Gottesdienst 2014 nach Oscar Wilde). Es ist für die ganze Stadt zu wünschen, dass es am Ende gut wird. So wie es ist, ist es nicht gut. „Der Plan, den man nicht ändern kann, ist schlecht“ (Publilius Syrus).

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