Leserbriefe

Die Hintergründe der großen Politik

28.07.2016, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Hellmut Kuby, Nürtingen. Zum Artikel „Standpauke gegen den Westen“ und zum Kommentar „Fragen über Fragen“ vom 8. Juli. Die Amerikaner, die USA, haben uns Deutsche von der Nazi-Diktatur befreit im Bündnis mit dem mächtigsten deutschen Kriegsgegner, der Sowjet-Diktatur. Die mochten die USA genauso wenig wie die Nazis. Aber: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. 1945, als Deutschland besiegt war, galt es für die USA die Expansion des sowjetischen Kommunismus zu verhindern. Dazu benutzte Amerika auch die BRD, den westlichen Teil Deutschlands zum Beispiel durch die NATO. Die BRD machte – in Dankbarkeit zu Amerika, das uns die Demokratie gebracht hatte – zum (allergrößten Teil) bedenkenlos mit. 45 Jahre lang Kalter Krieg, der 1990 durch Gorbatschow mit dem Anschluss der DDR an die BRD endete. Die Sowjetunion zerfiel, diese Großmacht gab es nicht mehr: Als einzige Weltmacht blieb Amerika – China war noch nicht so weit. Die Deutschen waren zufrieden, dass sie beziehungsweise wir immer noch die Freunde der Amerikaner sein durften – man ist gern bei den Siegern. Der eingeengte Blick auf die Realität ließ/lässt uns Deutsche nicht erkennen, dass die nationalen Interessen der USA und Deutschlands/Europas nicht gleich sind, obwohl das behauptet und als alternativlos bezeichnet wird. Die einzige Weltmacht zu sein und zu bleiben ist das Ziel der USA. Alles, was im Weg steht, wird hintertrieben oder bekämpft. Seit 100 Jahren (schriftlich belegt!) befürchten die USA ein Zusammengehen – insbesondere wirtschaftlich – von Russland mit seinen unendlichen Ressourcen und Deutschland/Europa mit seinen technisch-wissenschaftlichen Fähigkeiten. Und wir, wir Deutschen?

Warum ist es so schwer, politische Realität zu erkennen? Unser Gefühl hindert uns, denn über Jahrzehnte hat sich tief in unser Bewusstsein oder Unterbewusstsein eingegraben: Die Amerikaner sind unsere Freunde und Wohltäter, die Russen (seit 1941) unsere Feinde, Kommunisten, „Untermenschen“ und so weiter. Während sich in den 70 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs in dem Teil der Welt, den wir überblicken, vieles geändert hat – so wurde zum Beispiel aus der deutsch-französischen Erbfeindschaft eine Freundschaft und die Deutschen sind keine Nazis mehr –, hat sich in Deutschland am Feindbild Russland nur wenig geändert, denn da ist (angeblich) ja alles, wie es war. Und so unterstützen wir die USA bei ihrer antirussischen Politik. Die Verteufelung Putins, der wie viele andere in der Politik kein so guter Mensch ist wie wir, funktioniert in unserer Medienwelt.

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