Leserbriefe

Die Familie und der Abschied des Vaters

22.02.2012, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Christof Schnitzler, Nürtingen. Zum Artikel „Das heutige China lebt einen guten Kommunismus“ vom 18. Februar. Ich erzähle eine Geschichte von unserer Familie Putzmeister. Unser Firmenvater, Herr Schlecht, stellte gemeinsam mit seinen Familienmitgliedern, fleißigen schwäbischen Tüftlern, erfolgreich Betonpumpen und Mörtelmaschinen her. In Familien-/Betriebsversammlungen sprach er oft von seiner erfolgreichen Familie und seinen Werten. Auch ich versuchte zum Erfolg beizutragen. Was mir auffiel: hatten wir Söhne Ideen, erwiderte Herr Schlecht gern: „Sie arbeiten, ich denke“.

2007 wollte er seinen lange gehegten Traum verwirklichen und „Global Player“ werden. Verdoppelung des Umsatzes in fünf Jahren. Die Produktion wurde ausgeweitet, viele neue Familienmitglieder aufgenommen. Wir kannten uns gegenseitig nicht mehr. Es gab auch warnende Stimmen. Kauft die Welt uns die Maschinen denn ab? Diese Stimmen wurden nicht wahrgenommen. Bedenkenträger gingen oder wurden ersetzt, durch erfolgsgläubige Menschen. 2008 hatte unsere Familie es geschafft. Wir arbeiteten fleißig, die vielen hergestellten, unverkauften Maschinen (eine Jahresproduktion) versteckten wir im In- und Ausland, um den Optimismus nicht zu trüben. In der Weltwirtschaftskrise waren große Banken in Sorge um uns. Sie stellten einen „Familienhelfer“, Herrn Scheuch, an unsere Seite. Er passt seither auf, dass wir so viel produzieren wie wir verkaufen und sparsam sind. Unseren mehrfach dekorierten schwäbischen Familienvater Herrn Schlecht sahen wir nur selten. Herr Scheuch teilte uns mit, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt und schlecht gewirtschaftet haben. Wir müssten nun gemeinsam die Suppe auslöffeln.

Ich fragte mich. Wer hat sie uns denn eingebrockt? In den folgenden zwei Jahren hatten viele Mitarbeiter viel Zeit, bis zu 80 Prozent Kurzarbeit, natürlich mit weniger Geld, ohne Weihnachtsgeld. Motivationshilfe kam von Herrn Schlecht. „ Stiften gehen“ seine Idee, wir könnten einen Teil unserer Arbeitsleistung umsonst erbringen, „Erhalt der Arbeitsplätze“. Bis 2011 mussten wir dann leider einige Söhne und Töchter aus unserer Familie verabschieden. PA und BR waren mit Trauerarbeit beschäftigt. Herr Schlecht irgendwie anderweitig beschäftigt. Die Restfamilie war motiviert, diszipliniert, sparsam und fleißig. Sie kam wieder auf Erfolgskurs. Als Lohn wurden wir am 27. Januar Teil einer chinesischen Großfamilie. Der Betriebsrat wurde telefonisch informiert. Verabschiedet hat sich unser Familienvater bisher von uns nicht, er weilte ja in wichtigen Geschäften in China. Unsere Fragen über unsere Zukunft wurden bisher vom Familienhelfer nicht befriedigend beantwortet.

Aber wir müssen uns nicht sorgen, wir sind fleißige, disziplinierte, leistungsbereite sparsame Kinder einer großen chinesischen Familie, unser Vater, er ging ohne Abschied.

Leserbriefe

Nicht nur gegen die AfD demonstrieren

Eugen Wahl, Nürtingen. Zum Artikel „Ein Austausch um jeden Preis?“ vom 8. Dezember. Es hat sage und schreibe anderthalb Jahre gedauert, bis der Fachrat für Interkulturelle Zusammenarbeit (FIZ) endlich zur Kenntnis genommen hat, dass der vom Oberbürgermeister, dem Integrationsbeauftragten, dem…

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