Leserbriefe

Der Präsident aus der zweiten Reihe

23.02.2012, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Rolf Löffler, Köngen. Zum Artikel „Gauck soll Bundespräsident werden“ vom 20. Februar. Christian Wulff hat sehr viele Fehler gemacht. Die Hetzkampagne der Medien, unterstützt durch die Oppositionsparteien, versetzte ihm letztlich den K.-o.-Schlag. Mit welcher brutalen Würdelosigkeit weit unter der Gürtellinie man auf das ehemalige Staatsoberhaupt eingeprügelt hat, zeigen nicht nur die teilweise schamlosen Wulff-Cartoons im Internet und die Interpretationen des Begriffes „Wulffen“. Christoph Reisinger fasste das in der Kolumne „Tagesthema“ am vergangenen Samstag so zusammen: „Den Absturz verdankt der Präsident zu einem guten Teil der hysterischen Berichterstattung über seine Person und seine Ehefrau. Etwas, das für sich genommen einen Rücktritt gerechtfertigt hätte, ist dabei nicht herausgekommen.“

Vielmehr scheint Christian Wulff die falschen Berater und Rechtsanwälte gehabt zu haben, die das Abdriften in den Abgrund durch Fehleinschätzung, Arroganz und Ignoranz der Recherchen nicht verhindert haben. Angela Merkel hat nun – bestimmt zähneknirschend – einem Nachfolger „aus der zweiten Reihe“, Joachim Gauck, zugestimmt. Dabei scheint es ihr gelungen zu sein, den Schwarzen Peter der SPD und den Grünen zuzuschieben. Sollte Joachim Gauck ebenfalls straucheln, könnten dies die Oppositionsparteien der Kanzlerin nicht (mehr) in die Schuhe schieben. Die Medien haben sich auf Christian Wulff eingeschossen und ausgetestet, wie weit man ungestraft mit pöbelhaften Beleidigungen und peinlichen Vorverurteilungen gegenüber einem der höchsten Staatsämter gehen kann.

Wie wird Joachim Gauck damit umgehen? Er kommt aus der ehemaligen DDR, gebrandmarkt durch Mauer und Stasi – und wäre der zweite hohe Amtsträger aus diesem geografischen Bereich. Gerade deshalb seinen Lebensweg akribisch nachzuvollziehen, lassen sich die Medien bestimmt nicht entgehen. Heute als integrer Mensch in politische Spitzenämter zu wechseln, wird mehr und mehr zum Vabanquespiel. Bleibt nur zu hoffen und zu wünschen, dass die Medien auch einmal fair mit den Menschen umgehen – nach Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

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