Leserbriefe

Der helfende Opa und die neuen Container

17.05.2017, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Reinmar Wipper, Nürtingen. Zum Artikel „Nanzwiese: Container im Mai bezugsfertig“ vom 20. April. Samstagabend, halb acht, es klingelt. Djoudi steht vor der Tür, mit Mäppchen, Arbeitsblatt und großen Augen: „Helfen kann Opa, bitte?“ Das syrische Mädchen aus der zweiten Etage versteht seine Hausaufgaben nicht. Klasse drei, deutsche Sprachlehre, lateinische Begriffe. Wir üben: Subjekt, Prädikat, Objekt. Arabisch schreibt und spricht sie fließend. Da ist das Subjekt oft im Prädikat versteckt. Die Schülerin begreift aber schnell. Und dann übt sie mit mir vier einfache arabische Verben aus dem VHS-Kurs, deren Konsonanten alle mit A vokalisiert sind: dachala, djalaßa, kataba fij kitabi wa daraßa – sie ist hereingekommen, hat sich gesetzt, hat gelesen im Buch und hat gelernt. Djoudi strahlt, wenn ich die arabischen Wörter immer flüssiger schreiben kann.

So geht Integration auf Gegenseitigkeit: Bewerbungsschreiben, Übersetzung ausländischer Zeugnisse, Erklären von Behördensprache. Deutsch üben mit Djoudi seit Oktober. So lange dauert es auch schon, bis die Nanzwiese bezugsfertig geworden ist. Die Verzögerungen seien dem Schnee in der Slowakei geschuldet gewesen, stand in der Pressemitteilung der Stadtverwaltung. Fake News? Die neuen Container sind so angeliefert worden, wie sie dort fertig geworden sind. Es gibt Roßdorfer, die verstehen Slowakisch. Auch Tschechisch und Polnisch.

Alternative Fakten sind auch die stadteigenen Begründungen, auf denen man sitzt wie auf einem Spickzettel: „Gute städtebauliche Verträglichkeit“ – dabei sieht jeder Blinde, dass Roßdorf II im Herzen verschandelt worden ist. „Problemlose Nachverdichtung“ – das Landeslimit liegt bei 90 Einwohnern pro Hektar, das Gebiet um die Nanzwiese aber beherbergt die doppelte Anzahl Menschen pro Hektar. „Hochspannungsleitung gefahrlos für darunter Wohnen, weil Sicherheitsabstand von neun Metern gewahrt“ – Triumph der Ignoranz.

Irgendwie integrieren sich die alternativen Fakten der Stadtverwaltung nicht in die Realität. Vielleicht sollten wir Roßdorfer den Spitzen der Verwaltung dazu mal Kolleg lesen. Tät ich glatt. Gratis. So wie für Djoudi. Und Djoudi für mich.

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