Leserbriefe

Das Amt und die Qualifikation

01.10.2011, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Professor Dr. Rolf Knoblauch, Neckartailfingen. Zum Artikel „OB-Kandidaten: Sachlichkeit war Trumpf“ vom 23. September. Heutzutage werden Juristen Wirtschaftsminister eines Bundeslandes, Mediziner Wirtschaftsminister und Bankkaufleute/Volkswirte Gesundheitsminister der Bundesrepublik Deutschland. Da kann eine Stadt wie Nürtingen natürlich nicht darauf verzichten, unqualifizierte BewerberInnen für das Amt des Oberbürgermeisters ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Ein Oberbürgermeister leitet die Verwaltung und vertritt die Stadt nach außen. Er führt den Vorsitz im Gemeinderat und hat bestimmte Rechte und Pflichten hinsichtlich der zu fassenden und gefassten Beschlüsse. Darüber hinaus ist er der oberste Dienstvorgesetzte von Mitarbeitern. Aus diesem Tätigkeitsprofil ergibt sich zwingend ein Anforderungsprofil, auch wenn dies der eine oder andere der Kandidaten gar nicht erkannt haben mag.

Es ist auffällig, dass kein Einziger (außer dem bisherigen Stelleninhaber) für das Amt des Oberbürgermeisters hinreichend vorbereitet ist. Keine/r der BewerberInnen verfügt über nennenswerte einschlägige fachliche Erfahrungen. Eine der goldenen Regeln der Personalauswahl ist aber, dass derjenige, der einen Apparat zu führen hat, in einem ähnlichen Apparat schon einmal als Sachbearbeiter gearbeitet haben sollte. Wie will man sonst als oberste Instanz die Vorschläge der unterstellten Fachleute einigermaßen fachlich beurteilen und deren Konsequenzen abschätzen können? Welche/r der KandidatInnen verfügt eigentlich über Verhandlungserfahrung (auch in schwierigen politischen Situationen) und war dort erfolgreich? Wer hat schon politisch taktiert und sich mit den Abgründen juristischer kommunalpolitischer Paragraphen auseinandergesetzt ?

Ähnliches gilt für den Bereich der Personalführung. Eigene Mitarbeiter zu führen und für deren berufliche Schicksale menschlich und disziplinarisch verantwortlich zu sein, hat eine andere Qualität, als mit anderen Stellen zusammenzuarbeiten. Es wirkt beinahe rührend, wie die Bewerber argumentativ alles zusammenkratzen, was sie fachlich und führungsmäßig einigermaßen in die Nähe einer vermeintlichen Qualifikation bringt. Und dass man sich dies alles zutraut – welch hilfloses Argument. Und der oft genannte „gesunde Menschenverstand“? Was ist das eigentlich?

Bleiben die persönlichen Voraussetzungen. Ob jemand Visionen hat, ob er über Drive und Glaubwürdigkeit verfügt, wird sich irgendwann später einmal herausstellen. Aber ob jemand genügend Format hat, um anspruchsvollen Gesprächs- und Verhandlungspartnern auf Augenhöhe zu begegnen und als Repräsentant einer großen Stadt ernst genommen zu werden, darüber hat die Diskussionsrunde bei der Nürtinger Zeitung doch wirklich ergiebige Einblicke vermittelt. – Und das Fazit: Wir sollten Ämter nach den gleichen Regeln besetzen, wie sie bei der Personalauswahl in der Wirtschaft angewandt werden. Denn nur dann können Stellen richtig besetzt werden. Wenn dies nicht so wäre, hätte die Wirtschaft ihre erfolgreichen Regeln längst geändert.

Leserbriefe

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