Leserbriefe

Chagall-Ausstellung und die Juden

15.01.2010, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Manuel Werner, Nürtingen. Im Rahmen der Chagall-Ausstellung bin ich über zwei Aussagen über Marc Chagall auf der Homepage der Stadt Nürtingen gestolpert: „Als Jude, der das alte Bilderverbot souverän missachtete, als Russe, der vertraute Selbstgenügsamkeit überwand . . . “

Bei Russen ist sicher eine Selbstgenügsamkeit nicht vertrauter als bei Deutschen oder anderen. Dass Chagall sich über ein altes Bilderverbot hinwegsetzte, dass also im Judentum ein – zumal ein veraltetes – Bilderverbot herrsche, gar ein mehr oder weniger übergreifendes, ist ein nicht seltenes Stereotyp. Dieses herumgeisternde Diktum wird durch stetige Wiederholung aber nicht richtiger. Juden haben in allen Zeitaltern Bilder geschaffen und verbreitet. Aussagen, wonach das Bild und die visuelle Kunst in der Kultur des Judentums nahezu vollkommen fehlten oder aber bekämpft worden wären, sind nicht richtig. Das sogenannte Bilderverbot bezieht sich auf Götterbilder und -statuen, auf die Idolisierung, auf Götzenstandbilder, also auf Abbildungen von Göttern und Götzen, und soll der Gefahr der Vergötzung des Dargestellten entgegenwirken. Das biblische Verbot der Götzenherstellung, sich kein Gottesbild zu machen, ist nicht identisch mit einem Bilderverbot. Auch wenn dieses Verbot – wie in anderen Religionen auch – bei bestimmten Strömungen in der Vergangenheit und auch gegenwärtig mehr oder weniger eng gefasst wird. Keinesfalls waren und sind Bilder verboten – weder jetzt noch in alter Zeit. In den Bildern Chagalls, die ich kenne, ist dazu nie Gott selbst als Person gemalt. Laut der Bibel gab es ein Cherubenpaar als Thron des unsichtbaren Gottes im Innern des Jerusalemer Tempels: geflügelte Wesen mit Menschengesicht. Auch biblische Inhalte wurden und werden im Judentum bildhaft dargestellt. Sogar „die Hand Gottes“, die Abraham den Weg aus der Opferung seines Sohnes weist, findet sich bereits in archäologischen Funden.

In der Knesset gibt es einen für staatliche Empfänge genützten Saal, den Chagall mit biblischen Motiven wie Jakobs Traum, Mose am Sinai, Opferung Abrahams, Prophezeiung Jesajas, auch mit Engelwesen, ausgestattet hat. Auch in rein religiösen Werken und religiösem Zusammenhang finden sich Bilder, auch von biblischen Szenen, man denke nur an die, im Mittelalter wie heute, meist reich bebilderten Haggadot oder an reich illustrierte Megillot.

Chagall hat also als Jude nicht ein ominöses Bilderverbot missachtet, und als Russe auch keine angeblich dort ausgeprägter vorherrschende Selbstgenügsamkeit überwinden müssen. Diese Richtigstellung ist mir wichtig, sie ist jedoch nur als eine Marginalie gemeint angesichts der lobenswerten Initiative und Durchführung, die wundervolle Chagall-Ausstellung in Nürtingen genießen zu können.

Leserbriefe

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