Leserbriefe

Bei Experimenten klar differenzieren

10.02.2018, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Sonja Utz, Nürtingen. Zum Artikel „Nebenjob Proband“ vom 6. Februar. Grundsätzlich begrüße ich es, dass das Thema „Versuche mit Menschen“ diskutiert wird. Probanden sind in vielen Disziplinen unverzichtbar und die psychologische Forschung würde davon profitieren, wenn Studien an repräsentativeren Stichproben durchgeführt würden. Allerdings werden in dem Artikel drei Arten von Versuchen recht undifferenziert betrachtet – die reißerische Aufmachung des Artikels erweckt zu Unrecht den Eindruck, dass es vorwiegend um für Menschen schädliche Studien geht.

Drei Arten von Experimenten werden in dem Artikel besprochen, ohne die Unterschiede sauber herauszuarbeiten: psychologische Experimente, medizinische Studien, Studien zu Schadstoffen. Bei den psychologischen Studien geht es in der Regel um Prozesse wie Wahrnehmung, Motivation oder Lernen. Am Leibniz-Institut für Wissensmedien, das im Artikel auch erwähnt wird und an dem ich arbeite, wird zum Beispiel die lernfördernde Gestaltung von digitalen Schulbüchern, der Effekt der Nutzung von Multi-Touch-Tischen auf Entscheidungen von Ärzten oder die berufliche Nutzung sozialer Medien erforscht. Bei diesen psychologischen Studien sind keine negativen Auswirkungen zu erwarten, die über negative Erfahrungen im Alltag hinausgehen.

Die verpflichtende Teilnahme an Studien ist allerdings nicht nur in Tübingen seit Jahrzehnten Teil der Psychologie-Studienordnung. Die Studierenden sollen selbst erfahren, wie Erkenntnisse in der Psychologie gewonnen werden, bevor sie lernen, selbst Studien durchzuführen.

Die zweite Gruppe von Experimenten sind medizinische Experimente, bei denen in der Regel die Effektivität eines Medikaments bei der Heilung bestimmter Krankheiten untersucht wird. Hier können durchaus negative Effekte auftreten, da es auch darum geht, Nebenwirkungen von Medikamenten zu identifizieren – das Ziel liegt aber in der Heilung. Diese Studien sind aber klar von Experimenten abzugrenzen, in denen explizit die Schädlichkeit eines Stoffs, der keinerlei Heilsversprechen hat, getestet wird. Die ethische Rechtfertigung dieser Studien lässt sich durchaus kritisieren; solche Studien sind in deutschen Unistädten aber keineswegs an der Tagesordnung.

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