Blaulicht

Das ist doch nur die halbe Wahrheit

25.01.2014, — Artikel ausdrucken E-Mail verschicken

Ekkehard Reichelt, Kirchheim. Zum Artikel „Keine symbolische Aberkennung“ vom 11. Dezember. Mit zunehmender Empörung habe ich der Zeitung entnommen, dass Rat und Verwaltung der Gemeinde Neckartenzlingen sich nicht dazu aufraffen konnten, Adolf Hitler posthum die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen. Verlautbart wird, Hitler sei tot, seine Ehrenbürgerwürde erloschen und es gäbe Wichtigeres zu tun, als sich darum zu kümmern. Das ist eine Schande für die Gemeinde.

Das formaljuristische Argument, Hitler sei tot und seine Ehrenbürgerwürde damit erloschen, das unbegreiflicherweise auch den Städtetag Baden-Württemberg veranlasst, keine posthumen Ehrenwürden-Aberkennungen zu empfehlen, ist doch nur die halbe Wahrheit. Richtig ist zwar, dass das Ehrenbürgerrecht zu den sogenannten höchstpersönlichen Rechten gehört, die untrennbar an die Person des Trägers gebunden sind.

Diese Rechtsansicht verdeckt aber zum einen, dass sich die Gemeinden mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde selbst ein Denkmal schaffen beziehungsweise geschaffen haben, dessen ehrende Erinnerung sie über den Tod der Würdenträger hinaus wachhalten, um am Glanz teilzuhaben, der die Geehrten umgibt. Das kann und darf für Hitler und andere während der Nazi-Zeit geehrte Kriegsverbrecher und Hauptschuldige nicht gelten. Zum anderen ist es Tatsache, dass „Ein Toter noch lange zu leben hat“ (Thomas Bernhard: „Alte Meister“). Und Neckartenzlingen bewahrt Hitler auf der Ehrenbürgerliste über seinen Tod hinaus ein lange fortwährendes, ehrendes Angedenken, wenn sich die Gemeinde nicht durch eine posthume Aberkennung eindeutig distanziert.

Darf es denn sein, dass Hitler es durch seinen Suizid, der ihn der Strafe für seine Verbrechen und der Aberkennung seiner 4000 Ehrenbürgerwürden entzog, erreichen konnte, dass ihm wenigstens die Ehrenbürgerwürde in Neckartenzlingen verblieben ist?

Diese Unvereinbarkeit hat die ganz große Überzahl der Gemeinden begriffen, die unmittelbar nach dem Ende der Nazi-Diktatur, aber glücklicherweise bis in die jüngste Vergangenheit (siehe Kaiserslautern, Goslar, Stavenhagen, Konstanz, Eislingen, Göppingen, Böblingen, Tübingen und viele mehr) unwürdigen toten Ehrenbürgern aus der Nazi-Zeit den Platz auf dem Denkmal der Ehrenbürgerliste posthum aberkannt haben.

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